Allgemeines
1804 isolierte der deutsche Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner einen Wirkstoff aus Opium, der für einen Rausch am wichtigsten ist. Er nannte ihn “Morphium” nach dem griechischen Gott des Schlafes “Morpheus”. Ab 1826 wurde die Substanz als Medikament gehandelt.
Erst 50 Jahre später wies man nach, dass Morphin süchtig macht. Auf der Suche nach Stoffen, die genauso wirken, jedoch weniger abhängig machen, synthetisierte man Diacetylmorphin, besser bekannt als Heroin. Der Name geht auf das griechische Wort Held zurück. Das Medikament Heroin wurde eingesetzt, um die Entzugssymptome des Morphins zu unterdrücken. Außerdem wurde es als Hustenmittel eingesetzt.
Opiate
Unter Opiaten versteht man alle Substanzen, die aus Opium gewonnen werden. Das sind u.a. das Morphium oder das Kodein. Dabei unterliegen nicht alle Opiate auch dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Das Kodein ist dafür ein Beispiel.
Opioide
Unter Opioiden versteht man synthetische oder halbsynthetische Pharmaka, sowie körpereigene Substanzen (Endorphine) mit einer morphinartigen Wirkung. Dabei unterliegen nicht alle Opioide auch dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Das Tramadol ist dafür ein Beispiel.
Kleine Statistik, Politik
Heroin spielt auf dem illegalen Drogenmarkt neben Kokain in wirtschaftlicher, sozialer und polizeilicher Hinsicht sicherlich die bedeutendste Rolle. Die Haupterzeugerregionen sind das goldene Dreieck und das Halbmonddreieck. Das goldene Dreieck ist die Region, in der Burma, Thailand und Laos aneinander grenzen. Dort haben mittlerweile die Burmesen den Hauptanteil der Produktion übernommen, und zwar unter Beteiligung von Geheimdienst, Militär, Polizei und Politik, vor allem das Volk der Wa. Die Verarbeitung zu Heroin findet mittlerweile auf großen Schiffen statt, die in internationalen Gewässern ankern und von tausenden von kleinen Booten beliefert werden. Von hier aus werden vor allem der asiatische Markt und die Westküste der USA beliefert.
Das Halbmonddreieck erstreckt sich von Nordindien über Afghanistan und Pakistan bis in die Nordtürkei. Haupterzeugerland in dieser Region ist mittlerweile Afghanistan. Von hier aus wird auch der westeuropäische Markt vor allem durch Kurden beliefert.
Es sei darauf hingewiesen, dass es z.B. in Pakistan bei rund 150 Millionen Einwohnern ca. 2 Millionen Heroinabhängige, also genau so viele wie in der gesamten EU, gibt.
Der Umsatz des Heroins dürfte weltweit mittlerweile weit über 0,5 Billion Euro (500 Milliarden Euro) betragen. Der Umsatz aller Drogen wird weltweit pro Jahr auf ca. 0,8 Billionen Euro geschätzt. Zum Vergleich: der Staatshaushalt der Bundesrepublik Deutschland betrug im Jahr 2002 rund 250 Mrd. Euro, der des Landes Berlin rund 21 Mrd. Euro.
In Deutschland gibt es ca. 150.000 Menschen, die stark drogenabhängig sind. Der überwiegende Teil dieser Menschen ist - neben der Abhängigkeit von anderen Drogen wie Methadon, Kokain oder Ecstasy - auch heroinabhängig.
Im Jahr 1999 wurden in der Bundesrepublik rund 248.000 Strafverfahren im Zusammenhang mit Drogendelikten eingeleitet. Im Jahr 2000 starben nach einem Bericht der Drogenbeauftragten in der Bundesrepublik Deutschland 2.030 Menschen aufgrund des Konsums illegaler Drogen.
Im Vergleich dazu schätzt man die Zahl der durch das Rauchen in Deutschland jährlich zu Tode gekommenen Menschen auf ca. 111.000, darunter 43.000 durch Krebs, 37.000 durch Kreislauferkrankungen und 20.000 durch Atemwegserkrankungen. Durch die mittelbaren und unmittelbaren Folgen des Alkoholmissbrauchs sterben jährlich ca. 42.000 Menschen.
Aber nicht nur die Verbraucherländer leiden unter dem Drogenproblem. So hat sich in zahlreichen Ländern eine unerhört einflussreiche Kriminalität entwickelt, die oft beste Beziehungen zu Politik, Polizei, Justiz und dem Militär pflegt. Auch im normalen Wirtschaftsleben verfügt sie in vielen Ländern über teilweise erheblichen Einfluss und riesige Geldmittel.
So gut wie alle Bürgerkriege werden mittlerweile ganz oder teilweise durch den Drogenhandel finanziert. So finanzierten die ansonsten so sittenstrengen Taliban in Afghanistan ihren damaligen Krieg auch über den Handel mit Drogen. Auch die UCK im Kosovo oder die kurdische PKK machten da keine Ausnahme. Der renommierte Berliner Drogenexperte und Publizist Berndt Georg Thamm schätzt, dass weltweit ca. 50 % aller durch Kriminalität abgeschöpften Geldmengen aus dem Drogenhandel stammen.
Chemische Struktur, Herstellung
Heroin wird durch eine chemische Reaktion von Morphin mit Essigsäure-Anhydrid hergestellt.
Heroin wird nach intravenöser Gabe rasch systemisch transportiert und reichert sich mit steigender Lipophilie (Fettfreundlichkeit) in den entsprechenden Geweben an. Die hauptsächliche Wirkung wird vom Morphin ausgelöst. Dennoch wirkt Heroin stärker als der eigentlich wirksamere Metabolit Morphin. Dies ist dadurch erklärbar, dass Heroin die besseren pharmakokinetischen Eigenschaften besitzt und nach Umwandlung rascher zu einem Morphinspiegel im Gehirn führt.
Heroin wird in verschiedenen Formen verwendet und hergestellt:
Heroin Nr.1:
weiße oder braune pulvrige Substanz, eigentliche Morphin-Base, die aus Rohopium gewonnen wird und somit (noch) kein Heroin ist
Heroin Nr. 2:
graues bis weißes Pulver, das aus Morphin-Base unter Zusatz von anderen Stoffen (beispielsweise Essigsäureanhydrid) hergestellt wird, manchmal wird so auch eine Mischung aus Heroin und Morphin bezeichnet.
Heroin Nr. 3:
grau-braunes, körnig und krümeliges Granulat in Salzform, Wirkstoffgehalt 30 - 60%
Heroin Nr. 4:
ebenfalls ein Heroinsalz (Heroinhydrochlorid), weißes, sehr gut wasserlösliches Pulver. Es ist hochkonzentriert, wird dann aber “gestreckt”, mit Ascorbinsäure oder Milchzucker versetzt, um die Gewinnspanne beim Verkauf zu erhöhen. Es wird auch als H4 bezeichnet
Im Jahr 1999 wurden in der Bundesrepublik in 7.748 Fällen insgesamt 796,4 kg Heroin sichergestellt, deutlich mehr als im Jahr davor. Südwestasien stellt die wichtigste Quelle für in Europa konsumiertes Heroin dar. Dabei kommt Afghanistan mittlerweile wieder eine große Bedeutung zu. Dort wird nicht nur umfangreich Schlafmohnanbau betrieben, sondern auch vermehrt das eigentliche Heroin hergestellt. Die Amerikaner und ihre Verbündeten stehen dieser Entwicklung auch nach der Vertreibung der Talliban völlig hilflos gegenüber.
Wie wird Heroin in der Szene genannt?
- Afyun
- Berliner Tinke (Gemisch aus Morphin und Essigsäure)
- Chandu (Rauchopium)
- Frisco speed ball (Mischung aus Heroin, Kokain und LSD)
- H (für Heroin)
- Hongkong Rocks (H 3)
- M (für Morphin)
- O (Opium Tinktur)
- Sore
- Türkischer Honig (H 4)
Anwendungsformen
Man kann Heroin beispielsweise in den folgenden Weise anwenden:
- Spritzen
- Rauchen
- Schnupfen (mit der Nase inhalieren)
- als Pflaster (Patch)
Die gebräuchlichste Anwendung ist das Spritzen. Die Substanz wird dazu meist auf einem Löffel mit Zitronensaft oder Vitamin C-Pulver aufgekocht, um sie löslich zu machen. Dann wird diese Lösung über Watte oder einen Zigarettenfilter zur Reinigung mit einer Spritze aufgezogen und in die Vene gespritzt.
Die meisten Vergiftungen mit Heroin und seinem "Verwandten" Morphin treten unbeabsichtigt durch Substanzen auf, die einen unerwartet hohen Reinheitsgrad haben. Dieser kann zwischen 5 und 75% schwanken. Eine weitere Vergiftungsquelle ist das Platzen von im Körper versteckten Heroinpäckchen beim Schmuggeln. So genannte "Bodypackers" füllen Kondome mit Heroin und transportieren sie, meist als bezahlte Kuriere, geschluckt oder über den After eingeführt, über die Grenzen.
Wirkungsweise
Heroin dockt im Körper an bestimmten Bindungsstellen, und zwar bestimmten Rezeptoren im Gehirn an. Diese fungieren quasi als eine Art Schloss. Wird dem Körper in Form des Heroins der passende Schlüssel zugeführt, wird er von dem für ihn bestimmten Schloss angezogen. Die Verbindung von Schlüssel und Schloss löst dann die entsprechende Wirkung aus. Im menschlichen Körper (Gehirn) existieren unterschiedliche Schlösser für Heroin, die so genannten Opiatrezeptoren. Diese Rezeptoren befinden sich auf den Zelloberflächen der Nervenzellen. Jeder dieser Rezeptoren ist für eine eigene Wirkung zuständig: Euphorie, Müdigkeit, Schmerzlinderung, Pupillenverengung, Atembehinderung oder Sucht.
Die im Rausch erwünschten Effekte der Euphorie werden jedoch nicht nur durch die Heroinschlösser ausgelöst. Zahlreiche andere Andockstellen für Stoffe, wie dem Botenstoff Dopamin und dem Stresshormon Adrenalin spielen eine Rolle.
Die Entstehung von Sucht allerdings ist ein sehr komplexer und noch nicht endgültig erforschter Vorgang, der nicht nur mit der Wirkung der Rezeptoren allein erklärt werden kann.
Die höchste Potenz und das größte Abhängigkeitspotential haben Fentanyle. Dies sind Designerdrogen, die das narkotisch wirkende Schmerzmittel Fentanyl als Grundsubstanz haben, jedoch um ein Vielfaches stärker sind als die Ausgangssubstanz. Auf das Entzugsmittel L-Polamidon (Methadon) soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, da es keine illegale Rauschdroge, sondern ein zugelassenes Betäubungsmittel ist.
Wirkstärke von Opiaten/Opioiden
| Droge |
Verabreichung |
Wirkstärke |
| Opium |
Rauchen, Essen |
leicht |
| Morphin |
Spritzen |
mittel |
| Heroin |
Spritzen |
stark |
| H4 (Türkischer Honig) |
Spritzen, Rauchen |
sehr stark |
| Fentanyl |
Spritzen |
sehr stark |
Heroin gleicht in der Wirkung dem des Morphins, ist aber etwa doppelt so stark. Heroin wirkt nur für eine bis vier Stunden, Morphin dagegen bis zu sechs.
Gespritztes Heroin wirkt viel schneller als beim Rauchen oder Schnupfen. Beim Spritzen geht der Wirkstoff über das Blut rasch ins Gehirn.
Weitere Wirkungen
| Organ |
Effekt |
| Magen |
Hemmung der Magensäure, Entleerungsverzögerung |
| Darm |
Krämpfe, Verstopfung |
| Gallengänge |
Druckerhöhung |
| Bauchspeicheldrüse |
Hemmung der Produktion von Verdauungsenzymen |
| Harnblase |
Harnstau |
| Blutdruck |
Senkung |
| Lunge |
Verengung der Bronchien |
| Gewebe |
Freisetzung des Allergiehormons Histamin |
Wie wird der Rauschzustand empfunden?
- momentane Euphorie, Glücksgefühl (flash)
- Steigerung des Selbstbewusstseins
- Ausgeglichenheit, Ruhe
- keine körperlichen und seelischen Schmerzen
- intensives Traumerleben
Der “Fixer” erlebt einen plötzlichen “flash” oder “kick” und ist frei von allen Schmerzen. Er fühlt sich, egal in welchem Zustand und welcher Situation er sich gerade befindet, einfach wohl. Die Droge verleiht ihm das Gefühl, beschützt zu sein.
Die Euphorie, die durch Heroin ausgelöst wird, wird in dieser Intensität von keiner anderen Droge erreicht. Dem schließt sich eine Flucht vor der Realität und schmerzhafte Entzugssymptome an, deren Abstände kürzer und deren Intensität immer heftiger werden.
Anwendungen in der Medizin
Im Rahmen des “Modellprojektes heroingestützter Behandlung Opiatabhängiger” wird eine multizentrische Studie durchgeführt, die eine klinische Prüfung des heroinhaltigen Arzneimittels einschließlich der psychosozialen Betreuungsansätze beinhaltet. Zielgruppen der Studie sind Heroinabhängige, die durch das Drogenhilfesystem bisher gar nicht erreicht wurden oder nicht erfolgreich therapiert werden konnten.
Es wird untersucht, ob diese Gruppen durch eine heroingestützte Behandlung gesundheitlich und sozial stabilisiert, verbindlich in das Hilfesystem integriert, im Hilfesystem gehalten und zur Aufnahme einer weiterführenden Therapie motiviert werden können. Gleichzeitig wird analysiert, inwiefern dieses Angebot sinnvoll in das bestehende Drogenhilfesystem implementiert und das sicherheitsrelevante Risiko begrenzt werden kann.
Symptome und Gefahren
- verlangsamte Atmung, Atemstillstand
- Herzstillstand
- Erbrechen
- Pupillenverengung
- Entzugssymptome beim Absetzen
- Krampfanfälle
Die Injektion von Heroin birgt neben den Risiken durch die Droge selbst auch noch die Gefahr der Ansteckung mit AIDS oder Gelbsucht (Hepatitis), weil eine Spritze oft von mehreren Süchtigen genutzt wird.
Die größte Gefahr bei Heroinvergiftungen ist ein Atemstillstand. Heroin wirkt direkt auf das Zentrum der Atemsteuerung im Gehirn. Bei einer großen Dosis "vergisst" der Vergiftete zu atmen, obwohl seine Lungenfunktion völlig intakt ist.
Wenn man den Patienten ansprechbar vorfindet, kann man über einen längeren Zeitraum einem Atemstillstand vorbeugen, in dem man ihn erinnert, zu atmen.
Die oft beschriebenen “stecknadelkopfkleinen” Pupillen sollten zur Erkennung einer Heroinüberdosierung nicht überbewertet werden. Wenn der Betroffene längere Zeit bewusstlos war, sind seine Pupillen geweitet. Gleiches geschieht dann, wenn er Heroin mit einigen halluzinogen wirkenden Drogen wie Tollkirsche kombiniert.
Erste Hilfe bei einer Heroinüberdosis
- Oberste Regel ist Eigenschutz!
Also: Beatmung nur mit Hilfsmitteln, Einmalhandschuhe anziehen.
- Notruf veranlassen (112)
- Bei Bewusstlosigkeit: stabile Seitenlage
- Bei Atemstillstand: Beatmung
- Bei Herz-Kreislaufstillstand: Herz-Lungen-Wiederbelebung
Die Maßnahmen sollten nur dann vorgenommen werden, wenn sie vorher in einem entsprechenden Kurs erlernt worden sind. Auf die Beschreibung wird deshalb an dieser Stelle verzichtet.
Wie giftig ist die Droge?
Tödliche Dosis geschluckt: 0,3-1,4 g
Tödliche Dosis gespritzt: ab 0,1 g
Säuglinge: 2-10 Tropfen Opiumtinktur (enthält 1% Morphin) geschluckt können tödlich wirken
Heroinabhängige vertragen erheblich größere Mengen als Personen, die noch nie Kontakt zur Droge hatten.
Das große Suchtpotential der Opiate beim Missbrauch lässt sich keinesfalls auf die Anwendung als Schmerzmittel übertragen. Schmerz ist ein Gegenspieler der Sucht und der Atembehinderung. Bei chronisch Schmerzkranken liegt selbst bei langfristiger Anwendung die Suchtrate nur bei 0,07%.
Rechtliches
Alle als Rauschdrogen verwendeten Opiate unterliegen in der Bundesrepublik dem Betäubungsmittel-Gesetz (BtMG). Nach § 29 des BtMG ist u.a. der Anbau, der Handel, die Einfuhr, die Abgabe oder das sonstige in Verkehrbringen, der Vertrieb, der Erwerb sowie der Besitz ohne entsprechende Genehmigungen verboten. Merkwürdigerweise ist der Verbrauch dagegen nicht verboten. Wer also auf einer Party oder wo auch immer Heroin konsumiert bleibt straffrei. Steckt eine Person das Rauschmittel allerdings ein, z.B. um es später zu verwenden, hat sie es in Besitz genommen und macht sich damit dann strafbar. Allerdings wird das Gesetz zunehmend weniger restriktiv angewandt.
In der Schweiz darf in einem Modellprojekt Heroin an Abhängige vom Arzt verschrieben werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die positiven Wirkungen der ärztlich kontrollierten Heroinabgabe auf schwerkranke Drogenkonsumenten in der Schweiz anerkannt.
Einerseits ist die Verschreibung von Heroin in einem streng kontrollierten Rahmen medizinisch machbar. Sie kann für das Gemeinwesen sicher durchgeführt werden. Andererseits sind bei Befragungen der Teilnehmer gesundheitliche und soziale Verbesserungen festgestellt worden. Auch eine Abnahme der Kriminalität wurde registriert.
Kritisch stellt die WHO aber fest, dass aufgrund der Versuchsanlage nicht festzustellen sei, ob die Verbesserungen auf die Verschreibung von Heroin an sich zurückzuführen seien, oder auf den Einfluss des gesamten Behandlungsprogramms.